Gestern
noch war ich ein glücklicher Wellensittich.
Ich
saß in einem warmen Nistkasten, um mich herum wärmendes Gefieder und die
vertrauten Stimmen meiner Brüder und Schwestern. Geborgenheit unter den
weichen Flügeln meiner Mutter.
Vor
drei Tagen noch war ich ein zufriedener Wellensittich.
Zwar
wurde ich gewaltsam von meinen Geschwistern und meinen Eltern getrennt,
aber um mich herum waren viele andere meiner Art, die meine Angst
teilten. Wir kuschelten uns aneinander und betrachteten die
großen federlosen Wesen, die vor unseren Glaskästen
auf und
ab liefen. Wir gewöhnten uns daran, dass ab und zu einer
unserer
Freunde plötzlich verschwand. Die großen federlosen
Wesen
konnten nicht zu uns herein. Kraulen ist ein gutes Mittel gegen die
Angst.
Vor
einem Jahr noch war ich ein Wellensittich.
Zwar
wurde ich gewaltsam von meinen neuen Freunden getrennt und in eine
fremde Umgebung gebracht. Um mich herum fremde federlose Wesen, deren
Größe und Stimmen mir unendliche Angst einjagten.
Nachts
kauerte ich allein in einer dunklen Ecke, um mich herum Einsamkeit. In
meinen Träumen sind meine Freunde bei mir, deren Stimmen und
Wärme mir Zuversicht geben. Erinnerungen sind ein gutes Mittel
gegen die Angst. Auch wenn ich nach einiger Zeit feststellte, dass die
federlosen Wesen es gut mit mir meinten, konnte ich sie nicht
verstehen. Kraulen hilft Distanzen zu überwinden. Und so
fasste
ich Mut und begann die federlosen Wesen zu kraulen.
Vor
unendlich vielen Zeitaltern wusste ich, wer ich war.
Nun bin ich hier, umgeben
von Dunkelheit und Stille. Die federlosen Wesen besuchen mich nur noch
sehr selten. Habe ich etwas falsch gemacht?
Aber wie kann ich das wissen, da ich sie doch nicht verstehe? Ebenso
wenig wie sie mich. Die Einsamkeit greift nach mir und ich bin
wehrlos. Leere breitet sich in meinem Kopf aus und in meiner
Seele. Nur manchmal in meinen Träumen steigt aus unendlichen
Tiefen das Fragment einer Erinnerung empor. Flirren von
Flügeln,
vertraute Stimmen, ein Schnabel, der zärtlich mein
schütteres
Nackengefieder streichelt. Ich kann diese Bilder nicht festhalten, sie
entgleiten, sobald ich versuche mich zu erinnern.
Gegen
Einsamkeit gibt es kein Mittel.
Dieses
Gedicht ist aus der Quelle von vwfd.de bzw. einzelhaltung.de